bereitgestellt: 30. Juli 1997

Naturphänomene

 

Seit Beginn dieses Schuljahres (1996/97) gibt es an unserer Schule "Naturphänomene", ein neues, für die Versetzung maßgebliches Fach, das in den fünften und sechsten Klassen mit einer Wochenstunde unterrichtet wird. "Was stellst du dir unter Naturphänomenen vor?" Auf diese Lehrerfrage kommen garantiert jede Menge unterschiedliche Antworten: Regen, Wetter, Vulkane, Meereswellen, Schnee, Wind und Sturm, Wirbelstürme und Tornados, Sonne, Mond und Sterne, Luft und Luftdruck... Und jede Antwort ist richtig! Alles, was wir um uns herum in der Natur beobachten können, sind Naturphänomene, und mit diesen beschäftigt sich das neue Fach.

Graphik von StR Gerald Manz, THG Pforzheim

Wasser und Luft wurden am häufigsten genannt, und deshalb wollten wir Lehrer auch mit diesem Themenkomplex beginnen. Es war für manche gar nicht so einfach einzusehen, daß Luft ein Körper ist und deshalb einen Raum einnimmt: Ein leeres Glas sollte nicht wirklich leer sein? Ja, ja Luft sei schon drin, aber ein Papiertaschentuch, in ein Becherglas gestopft, solle selbst dann nicht naß werden, wenn man es mit der Öffnung nach unten bis auf den Boden in eine mit Wasser gefüllte Wanne tauche - Zweifel waren da angebracht. Und dann, tatsächlich: staunend erlebte man den vielen Erwartungen zum Trotz das Taschentuch blieb trocken! "Auch die Luft wiegt etwas!" Diese Aussage des Lehrers wurde zwar nicht direkt angezweifelt, dennoch sollte auch hier ein Experiment Klarheit schaffen: Luftballons wurden ausgeteilt, dann Holzstäbe und Faden. In kleinen Gruppen bliesen die Mädchen und Buben mit roten Gesichtern ihre Ballons auf. Pro Gruppe brauchte man jeweils zwei prall gefüllte Luftballons, die mit einem Faden an einen Holzstab gebunden wurden. In der Mitte des Stabs wurde ein weiterer Faden befestigt und durch sein Verschieben die "Waage" austariert. Der entscheidende Augenblick verursachte einen ohrenbetäubenden Lärm. Die Klasse war aus dem Häuschen: Ein Nadelstich in einen der beiden Ballons - die Seite mit dem luftgefüllten Ballon neigte sich. Unverkennbar, Luft wiegt etwas!

"Das Fach Naturphänomene gefällt mir, ich kann da eine ganze Menge lernen." - "Wir machen viele Versuche, die schon ein wenig auf die Physik vorbereiten." - "Mein Vater sagt, während seiner Schulzeit erlebte er die ersten Versuche dieser Art erst in der achten oder neunten Klasse." - "Experimentieren macht uns Spaß". So und ähnlich erzählten Schülerinnen und Schüler der Klasse 5b den vier Mädchen aus der 10a, die sie im Unterricht besuchten, über ihre Erfahrungen mit dem neuen Fach. Ganz interessiert lauschten die jungen Damen, die zunächst sogar für Referendarinnen gehalten wurden, was die Klasse zu erzählen wußte. Natürlich verrieten dann auch sie den Grund ihres Besuchs: Im Deutschunterricht wird "die Zeitung" nicht nur theoretisch behandelt, vielmehr arbeitet die ganze Klasse an der Gestaltung einer Doppelseite für eine richtige Zeitungsausgabe. Die Mädchen selbst werden zum Beispiel aufgrund ihres Besuchs einen Beitrag über die "Naturphänomene" anfertigen.

"Da gab’s ja noch viel mehr!" sprudelte es aus den Fünftklässlern heraus. "Am vergangenen Montag haben wir zusammen Spaghetti mit Tomatensoße und Salat gegessen und anschließend mit verschiedenen Böden und mit Wasser experimentiert." Interessante Ergebnisse wurden da beobachtet: Kies und Sand sind wasserdurchlässig, Humus weniger gut, und Ton ließ kein Wasser passieren. "Doch, da war schon ein Wassertropfen im Auffanggefäß!" So genau hatte es die Klasse gesehen, und deshalb mußte es auch gesagt

werden. Aus der Erinnerung kamen weitere Experimente: Der Luftdruck zerdrückt Blechdosen, läßt den Gecko und die Stubenfliege nicht von der Glasscheibe fallen, und mit dem selbst gebastelten Flaschenbarometer kann man ihn sogar messen. Warme Luft dehnt sich aus und kann mehr Wasser aufnehmen als kalte. Aus einer großen Petrischale verdunstet mehr Wasser als aus einer kleinen Schale, denn es kommt auf die Größe der Wasserfläche an, nicht auf die Wassermenge. "Klar, deshalb wird die Wäsche zum Trocknen aufgehängt und bleibt nicht zusammengelegt in einer Schüssel liegen!" Noch viel mehr hätte es da zu erzählen gegeben, aber die Stunde war bereits um und die große Pause angebrochen. In ihrer Begeisterung hatten die Kinder sogar ganz vergessen, darüber zu klagen, daß für jedes Experiment eine Versuchsbeschreibung und die Auswertung anzufertigen und ins Heft zu schreiben sind.

K.H. Renner